Kaudroge Khat: Im Rausch der grünen Blätter (NZZ)

Kaudroge Khat: Im Rausch der grünen Blätter

Die Polizei verzeichnet am Flughafen Zürich einen explosionsartigen Anstieg von Khatschmuggel. Doch, wer den Stoff konsumiert, ist rätselhaft. Auf den Spuren einer unbekannten Droge.
Florian Schoop

Die sieben Männer sitzen auf dem Boden, trinken Kaffee aus Thermoskannen und kauen Khat. In grossen Büscheln liegt die Droge vor ihren Füssen. Sie brechen Blatt um Blatt vom Zweig. Langsam wandert ihre Hand in Richtung Mund. Stundenlang beissen die Männer auf dem Grünzeug herum, bis sich ihre Backen blähen. Bei einigen gleicht der Knäuel im Mund einem Pingpongball. Bei anderen schwillt die Masse zur Grösse eines Tennisballs an. Die Stimmung in dem kahlen Raum wird immer ausgelassener, euphorisierter und gesprächiger.

Die Szene stammt aus einem Dokumentarfilm über Somalia. Khat ist in dem ostafrikanischen Land eine Volksdroge und wird im Film als Speed für Arme, als Rausch mit Nebenwirkungen bezeichnet. Und dieser Rausch breitet sich nun auch mehr und mehr in der Schweiz aus. In den letzten Jahren hat der Schmuggel mit der illegalen Droge explosionsartig zugenommen.

Allein in den vergangenen elf Monaten haben Fahnder über 2,1 Tonnen Khat im Reiseverkehr konfisziert. Damit hat sich die Zahl fast versechsfacht – und das innerhalb von nur einem Jahr.

Das zeigen die Zahlen vom Flughafen Zürich. Allein in den vergangenen elf Monaten haben Fahnder über 2,1 Tonnen Khat im Reiseverkehr konfisziert. Zum Vergleich: Im letzten Jahr waren es noch 365 Kilogramm. Damit hat sich die Zahl fast versechsfacht – und das innerhalb von nur einem Jahr. Doch nicht nur das: Auch über den Postweg gelangen getrocknete Blätter der berauschenden Pflanze ins Land. Über eine Tonne war es in diesem Jahr. Dieser massive Anstieg ist zum einen damit zu erklären, dass die Polizei vermehrt Kontrollen durchführt. Das genügt jedoch nicht als Begründung.

Ist Khat also die neue In-Droge? Wohl kaum. Denn der Geschmack ist bitter. So bitter, dass die Droge so gut wie ausschliesslich von Menschen aus Herkunftsländern wie Äthiopien, Somalia, Jemen oder Kenya eingenommen wird, wo die Substanz als sozial akzeptierte Droge verbreitet ist. Bei den Konsumenten in der Schweiz handelt es sich laut Polizei denn auch vorwiegend um Migranten aus dem nordöstlichen Teil Afrikas. Die drastische Zunahme sichergestellten Khats lässt sich also auch mit der wachsenden Community der aus den ostafrikanischen Ländern stammenden Menschen in der Schweiz erklären. Denn mit der grösser gewordenen Diaspora aus Somalia und Eritrea sind auch mehr potenzielle Konsumenten aus Ostafrika in die Schweiz gekommen. Die Droge ist somit vielmehr ein Randphänomen der Einwanderung als ein neuer Trend.

Dass Khat in der somalischen Community im Kanton Zürich ein Thema ist, bestätigt Bashir Gobdon. Der Leiter des Somalischen Kulturvereins in Zürich kennt sowohl Leute, die die Substanz am Wochenende zusammen mit Freunden einnehmen, als auch Konsumenten, die süchtig sind. Letztere Gruppe schätzt er auf rund vierzig Personen – «viele von ihnen sind arbeitslos und einsam». Insgesamt stellt Gobdon eine Veränderung auf dem Khatmarkt in der Schweiz fest: «Als England die Pflanze vor drei Jahren verboten hat, hat die Qualität der Pflanze hier nachgelassen.» Viele Gelegenheitsnutzer konsumierten sie deshalb nicht mehr.

Die Droge von Migranten

Khat ist in der Schweiz gemäss Betäubungsmittelgesetz seit 1992 verboten. Der Grund dafür liegt in der Wirkung der Droge. Die jungen Triebe und Blätter der Pflanze regen den Organismus an. Sie werden wenn möglich gleich nach dem Pflücken konsumiert, denn schon nach drei bis vier Tagen verlieren sie ihren berauschenden Effekt. Beim stundenlangen Kauen werden die Stoffe Cathinon und Cathin über die Mundschleimhaut aufgenommen. Sie wirken psychisch stimulierend und regen den Kreislauf an. Das Zeit- und Raumgefühl geht verloren, dafür erhöht sich der Rededrang – bis hin zur Hyperaktivität. Müdigkeit und Hunger treten in den Hintergrund.

Die Droge hat laut Boris Quednow, Suchtexperte und Professor an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, einen stimmungserhellenden Effekt und wirkt wie ein niedrig dosiertes Amphetamin. In dieser Form ist Khat am ehesten vergleichbar mit Ritalin. Nach einer längeren Zeit des Kauens kann sich die Wirkung aber verstärken. «Wer jedoch bloss kurz auf den Blättern herumkaut, spürt lediglich einen ähnlichen Effekt wie nach ein paar Tassen Espresso.»

Rein von der Struktur her sei der Stoff Crystal Meth nicht unähnlich, erklärt Quednow. «Doch im Unterschied zu solchen chemischen Drogen ist die Konzentration, die man beim Khatkauen aufnimmt, viel tiefer.» Auch das Schadenpotenzial sei vergleichsweise moderat. Dennoch sind die Nebenwirkungen keineswegs harmlos: Der Konsum kann Krebsarten in der Mundhöhle befördern, Psychosen und kognitive Störungen verursachen sowie zu Schlaflosigkeit führen. «In der Schweiz wäre ein täglicher Konsum über einen langen Zeitraum aber kaum möglich», erklärt der Drogenexperte. Dazu sei der Markt viel zu klein. «Die Schweiz ist also weit davon entfernt, eine Khathölle zu werden.»

«In der Schweiz wäre ein täglicher Konsum über einen langen Zeitraum kaum möglich. Die Schweiz ist also weit davon entfernt, eine Khathölle zu werden.»

Bis Ende der 1980er Jahre war die Substanz in Europa nur wenigen bekannt. Sie tauchte lediglich in Erzählungen von Afrikareisenden auf, die die Männer mit den dicken Backen schilderten. Oder es gab Zeitungsberichte, die die exotische Droge erwähnten. So publizierte die NZZ im Jahr 1982 eine dreiseitige Khat-Reportage mit zahlreichen Bildern und bezeichnete das Kauen der länglichen Blätter als «kultiviertes Laster».

Ein Koffer mit Khat, sichergestellt am 10. November 2017 am Flughafen Zürich. (Bild: Kantonspolizei Zürich)

Ein Koffer mit Khat, sichergestellt am 10. November 2017 am Flughafen Zürich. (Bild: Kantonspolizei Zürich)

Der Bekanntheitsgrad änderte sich, als in den 1990er Jahren die ersten Meldungen über konfisziertes Khat die Runde machten. Den grössten Boom aber erlebt die Kaudroge, die im Hochland Ostafrikas wild wächst, in den letzten Jahren. Seit 2012 haben sich laut Polizei die Sicherstellungen massiv erhöht. Die Schmuggler gehen dabei immer gleich vor. Sie pressen unzählige Bündel der frischgepflückten Pflanze in Rollkoffer und verpacken sie einzig mit einem Stofftuch. Die Bilder, welche die Polizei jeweils nach Drogenfunden verschickt, zeigen vor allem, wie schwierig es ist, Khat zu schmuggeln. Die Zweige und Blätter sind nach dem Flug bereits erschlafft. Um überhaupt noch eine Wirkung zu entfalten, muss die Droge sofort konsumiert werden. Längere Weitertransporte kommen daher nicht infrage. Kein Vergleich also zum hochprofessionellen und bis ins letzte Detail organisierten Handel mit Kokain oder Cannabis.

Wie das Khat in der Schweiz weiterverteilt wird und wer den Stoff konsumiert, wissen die Behörden nicht. Genauso unbekannt ist ihnen, ob es sich bei den Schmugglern um Profis handelt oder ob sie lediglich sich und ihr Umfeld mit der Droge versorgen. Auch bei Sucht Schweiz und dem Bundesamt für Gesundheit ist dazu nichts Konkretes zu erfahren.

Bei den Schmugglern handelt es sich laut Polizei vorwiegend um junge Männer, die oft arbeits- und mittellos sind. Häufig sind es Europäer mit nordostafrikanischen Wurzeln.

Die Schweiz ist jedoch nicht allein mit dem Phänomen. Gemäss Kantonspolizei ist das Aufgreifen von Khatschmugglern auch an anderen europäischen Flughäfen an der Tagesordnung. Auffällig ist, dass alle verhafteten Drogenhändler zuvor aus Nairobi, Kenya, nach Zürich geflogen sind – meist mit einem Zwischenstopp in den Arabischen Emiraten. Zwar wächst die berauschende Pflanze auch in Ländern wie Äthiopien, Somalia, Eritrea oder Jemen. Das in Zürich sichergestellte Khat aber stammt meist aus Kenya.

Bei den Schmugglern handelt es sich laut Polizei vorwiegend um junge Männer, die oft arbeits- und mittellos sind. Häufig sind es Europäer mit nordostafrikanischen Wurzeln, ab und zu aber auch Personen aus Osteuropa. Wenn sie geschnappt werden, erwartet sie lediglich eine Geldstrafe. Können sie aber die Ware unbemerkt ins Land schaffen, läuft das Prozedere laut Insidern folgendermassen ab: Die Händler verfügen über Handynummern von potenziellen Käufern. Zudem spricht es sich in der Community herum, wenn wieder eine neue Lieferung angekommen ist.

Ein Bündel für 20 Franken

Laut Urs Rohr von der Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich findet der Khathandel – verglichen mit anderen illegalen Substanzen – auf einem viel tieferen Niveau statt. «Bei den Schmugglern handelt es sich wohl vornehmlich um Personen, die ihr eigenes Netzwerk mit der Droge versorgen.» Auch die Gewichtsverhältnisse sind andere. Die Sicherstellung von 1 Kilo Kokain und jene von 80 Kilo Khat stehen vom Wert her in keinem Verhältnis, denn die Preise unterscheiden sich stark. Während 1 Gramm Kokain auf dem Schwarzmarkt bis zu 120 Franken kostet, beläuft sich der Preis für ein Bündel Khat à 100 Gramm gemäss Kantonspolizei auf lediglich 20 Franken. Der Preis variiert allerdings je nach Verfügbarkeit. «Diese Droge spielt in einer ganz anderen Liga», erklärt Rohr. Auch was die Gefahren anbelangt, ist Khat nicht mit Kokain zu vergleichen. Von den Behörden wird die Pflanze als leichte Droge eingestuft.

«Diese Droge spielt in einer ganz anderen Liga», erklärt Suchtexperte Rohr. Auch was die Gefahren anbelangt, ist Khat nicht mit Kokain zu vergleichen.

Seit einiger Zeit wird die Droge auch getrocknet in die Schweiz geschmuggelt – über den Postweg und oft als Tee getarnt. Dies lässt die Experten etwas ratlos zurück. Denn bei getrocknetem Khat ist die berauschende Substanz beinahe zur Wirkungslosigkeit verpufft. Oder wie es Boris Quednow ausdrückt: «In dieser Form hat die Pflanze höchstens noch den Effekt von Grüntee.» Warum aber in diesem Jahr bereits über eine Tonne davon in die Schweiz importiert wurde, erklärt sich Urs Rohr von der Suchtpräventionsstelle so: «Khat ist eine soziale Droge.» Vielleicht gehe es den Konsumenten in der Schweiz bei dieser «kastrierten Variante» somit eher um ein heimatliches Ritual als um den simplen Rausch.

Source: NZZ

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