Grüner Goldrausch

In Äthiopien boomt der Anbau von Kat und verdrängt mehr und mehr die traditionelle Landwirtschaft. Elend sichert Absatz der VolksdrogeFotoreportage

Von Jan Lieske
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Lukrative junge Triebe: Die Katplantagen benötigen eine intensive Bewässerung

Vor wenigen Jahren war Awaday nur eine unter vielen Siedlungen am Weg nach Harar in der Verwaltungsregion Oromia im Osten Äthiopiens. Heute ist hier das Zentrum des Katanbaus. In ganz Äthiopien finden sich Plantagen, auf denen die Sträucher kultiviert werden, insgesamt mehr als 480.000 Hektar Ackerland werden entsprechend bewirtschaftet. Die Qualität aus Awaday aber ist in ganz Äthiopien und darüber hinaus bekannt. Täglich verlassen unzählige Lkw die Stadt in Richtung Somalia und Djibouti, wo Kat als legales Rauschmittel ebenfalls weit verbreitet ist. Per Flugzeug gehen Lieferungen nach Übersee: China, USA, Europa. Auf diese Weise trägt Awaday nicht unwesentlich zum Bruttoinlandsprodukt Äthiopiens bei.

Die kleine Stadt ist so etwas wie das El Dorado am Horn von Afrika, Anziehungspunkt für unzählige Glücksritter jeden Alters. Kinder reißen von zu Hause aus in der Hoffnung, hier das große Geld zu machen. Der Verkauf der stimulierenden Pflanze, auch als Abessinischer Tee bekannt, obliegt meist den Frauen. So ist es naheliegend, dass eine der reichsten Frauen Äthiopiens ihr Vermögen mit dem Katbusiness gemacht hat und aus Awaday stammt. Während die Bauern üblicherweise von Niederschlägen abhängig sind, wird hier das ganze Jahr über künstlich bewässert. Dabei hat die Region unter Desertifikation zu leiden, der Verödung der Böden. Zur Bewässerung pumpen die Bauern Wasser aus zwei nahe gelegenen Seen, von denen mittlerweile kaum mehr übriggeblieben ist als Schlammlöcher. Schon beim Besuch des Autors in dieser Region im Jahr 2011 war dies absehbar. Geerntet werden nur die frischen jungen Triebe.

Die hohen Gewinne, die mit dem Verkauf der Katblätter erzielt werden können, sorgen dafür, dass immer mehr Bauern, statt traditionelle Landwirtschaft zu betreiben, ihre Felder in Katplantagen umwandeln. Selbst Kaffee, das Hauptexportprodukt Äthiopiens, wurde aufgrund niedriger Weltmarktpreise in manchen Regionen des Landes bereits weitgehend verdrängt.

Obwohl Äthiopiens Wirtschaft in den letzten Jahren eine Wachstumsphase erlebt hat, ist die Arbeitslosigkeit nach wie vor sehr hoch. Vor allem Jugendlichen und jungen Erwachsenen fehlt es an Perspektiven, unter ihnen grassiert die Unzufriedenheit. In den überall im Land zu findenden Bars und Spelunken, in denen Kat konsumiert wird, kann man leicht mit solchen jungen Leuten ins Gespräch kommen. Die Droge, die man am ehesten mit Koffein vergleichen kann und deren Wirkung über Stunden anhält, löst ihnen die Zungen. Die Sorgen des Alltags kommen zur Sprache und das Klima der Repression, in dem sie leben. Äthiopiens Agrarsektor wird seit einigen Jahren von ausländischen Investoren heimgesucht. Die Regierung lässt regelmäßig Dörfer und Ansiedlungen räumen, um für die Konzerne Platz zu schaffen. Vor allem die Oromos sind von solchen Landnahmen betroffen. Gewaltsame Stammeskonflikte und Militäreinsätze sind weiter an der Tagesordnung, der im Oktober 2016 von der Regierung verhängte Ausnahmezustand endete erst vor wenigen Tagen. Für viele bleiben da nur die Katblätter, um für ein paar Stunden dieser Realität zu entfliehen.

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Leichte Last: Auf dem Markt von Awaday herrscht ein Durcheinander von Händlern und Bauern
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Erfahrene Händlerin: Die Familie von Fakiya Ibrahim Hussein (r.) hat es mit dem Anbau des »Abessinischen Tees« zu bescheidenem Wohlstand gebracht
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Umschlagplatz: Wegen des Kats kommen Geschäftsleute aus allen Teilen des Horns von Afrika nach Awaday
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Ausreißer: Mit 15 Jahren lief Eskender von zu Hause weg, um in Awaday sein Glück zu machen. Als Küchenhilfe arbeitet er in einer Bar – und träumt weiter vom Einstieg ins Business mit der Alltagsdroge
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Aussteiger: Die Wirkung des Rauschmittels hält über mehrere Stunden an
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Rund um die Uhr: Nur während der Mittagszeit und bei Ausgangssperren ruht das Geschäft auf dem Markt von Awaday
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Ausgelaugt: Bereits zum Zeitpunkt des Entstehens dieses Fotos 2011 führte dieser See bei Awaday kaum noch Wasser