„Ich komme aus Äthiopien“

28.06.2017

Von LEONIE DOWIDAT
Sie leben nebeneinander her und wissen oft nicht viel über ihre „Nachbarn“. In vielen Gemeinden finden Bürger und Flüchtlinge nicht wirklich zueinander. In Hünfelden bemüht man sich aktiv um die Integration. Etwa mit dem Begegnungsfest, bei dem auch der junge Bonsa den Hünfeldenern seine Geschichte erzählte.

Mit Oskar und Theo hat Bonsa in Hünfelden auch junge Freunde gefunden. Foto: Leoni Dowidat Mit Oskar und Theo hat Bonsa in Hünfelden auch junge Freunde gefunden.
„Guten Tag.“ Der junge Mann auf der „Bühne“ der Kirberger Burg räuspert sich kurz und beginnt. „Mein Name ist Bonsa, ich bin 20 Jahre alt und komme aus Äthiopien. . .“ Er bricht ab, lächelt schüchtern. „Verzeihung, ich bin ein wenig nervös.“ Wohlwollend lächeln seine Zuhörer zurück, spenden ihm Applaus. Denn sie haben Achtung vor dem, was Bonsa tut.

Leben oder Tod

Im Rahmen des Begegnungsfestes, das die Gemeinde Hünfelden am Sonntag in Kirberg veranstaltete, erzählte er von seinem Schicksal. Von den Erlebnissen, die ihn hierher trieben. Es ist eine Geschichte von Widerstand gegen ein ungerechtes System: „Wer in Äthiopien gegen das Regime demonstriert hat, wurde getötet“, sagt Bonsa und schluckt. Er habe so einen Freund verloren. Für ihn war es eine Entscheidung zwischen Leben und Tod, die ihn über eine abenteuerliche Flucht („Wir saßen mit 120 Leuten in Schlauchbooten“) in den Sudan, nach Libyen und schließlich nach Deutschland führte.

Hier saß er einen Monat in einer Erstaufnahmeunterkunft in Gießen fest, ehe sein Weg nach Hünfelden führte. Für ihn war es eine Zeit permanenter Unsicherheit: „Ich wusste nicht, wo ich bin. Ich kannte den Namen des Ortes hier nicht und habe anfangs auch nicht sonderlich viele Leute zu Gesicht bekommen. Daher dachte ich erst, dass hier kein schöner Platz zum Leben ist“, gesteht er.

Erst durch den Helferkreis in Hünfelden lernte er die Gemeinde kennen und lieben. Er selbst gibt sich große Mühe, hier in den Alltag zu finden. „Ich kann nicht sagen, ob ich hier gut gelitten bin oder nicht“, gesteht er. „Allerdings: Wenn ich jemanden auf der Straße sehe, sage ich immer ’Hallo!’, ob er antwortet oder nicht.“

Kim Conrad vom Helferkreis hingegen sieht die Dinge etwas klarer. „Bonsa spricht sechs Sprachen. Alleine dadurch kann er uns schon wahnsinnig viel helfen“, sagt sie. Immer wenn Neuankömmlinge betreut werden müssten, Gerichtsgänge anstünden oder ähnliches, stehe er den anderen Flüchtlingen zur Seite. „Er fährt sogar selbstständig mit Freunden zum Anwalt, wenn etwas übersetzt werden muss“, erzählt sie.

Neben seiner Muttersprache Amharisch spricht Bonsa Englisch, Oromo, Arabisch, Urdu und natürlich Deutsch. Denn Kommunikation ist seiner Ansicht nach das Wichtigste. „Du kannst einen Menschen nicht beurteilen, nur weil du ihn mal irgendwo gesehen hast“, sagt er. „Erst, wenn du mit ihm sprichst, kannst du auch über ihn sprechen.“

Das Fest der Kulturen soll daher eine Art Initialzündung sein, um Flüchtlinge und Hünfeldener einander näher zu bringen. So spielt neben dem Kirberger Kinderchor „Die Burgspatzen“ auch ein Trio syrischer Profimusiker Weisen aus der Heimat vor, die Band des Helferkreises „Tea Timers“, die sich ihren Namen nach der wöchentlich stattfindenden Teestunde in der Asylbewerberunterkunft gegeben hat präsentiert deutsch-englisches Liedgut.

Zwischen den Beiträgen haben die Gäste immer wieder Zeit: Zeit, um die neu gestaltete Burg zu erkunden. Zeit, um das verlockend duftende Essen mit den exotischen Gewürzen zu probieren. Vor allem haben sie jedoch Zeit, um den Austausch zu suchen. Vorurteile abzubauen und zu reden.

In der Opposition

Denn zu sagen hat Bonsa auch nach seinem Vortrag immer noch viel. Erst vor Kurzen wurde der Asylantrag des Äthiopiers in Deutschland abgelehnt. Er hat Klage dagegen eingereicht – denn Bonsa engagiert sich politisch in der Opposition der äthiopischen Regierung, unterstützt auch von Deutschland aus mit TBOJ Projekte in seiner Heimat. Im diktatorischen System Äthiopiens würde eine Abschiebung seinen sicheren Tod bedeuten, sagt er.

Wenn er in Deutschland bleiben darf, möchte er gerne eine Ausbildung machen. „Ich liebe es, Menschen zu helfen“, so Bonsa. „Mir wurde hier in Deutschland so viel geholfen. Jetzt will ich davon etwas zurückgeben können.“

Source: http://www.nnp.de/lokales/limburg_und_umgebung/bdquo-Ich-komme-aus-AEthiopien-ldquo;art680,2689616